Interview mit einem Verwahrten

Interview mit dem ehemaligen Straftäter SaRy in einer Massnahme – derzeit nach Art. 59 StGB mit Bedrohung durch den Art. 64 StGB

Man beachte – Auszug aus dem StGB Art. 59:

Der mit der stationären Behandlung verbundene Freiheitsentzug beträgt in der Regel höchstens fünf Jahre…….

….. wehe dem, der von diesem behördlichen Hilfsangebot betroffen ist. Den Klauen der Behörden entkommst Du nicht mehr….. Tragisch, aber wahr, und all die “tollen” Hilfsorganisationen interessiert das kaum bis gar nicht… und die Gesellschaft erst recht nicht, denn sie ist davon nicht (direkt) betroffen.

 

1) Wie lange war Deine Strafe und wie lange ist Dein bisheriger Freiheitsentzug?

Ich wurde erstinstanzlich zu einer Strafe 9 Jahren, 11 Monaten und 5 Tagen verurteilt, aufgeschoben zu Gunsten einer Massnahme nach Art. 59 StGB. Die nächste Instanz reduzierte die Strafe bedeutend auf 4 Jahre, 11 Monate und 5 Tage.

Mittlerweile bin ich seit 11 Jahren und rund 6 Monaten im geschlossenen Vollzug, zuerst in der UPK Basel und seit vielen Jahren jetzt im Thorberg, ohne die geringsten Progressionsstufen wie Urlaube – nicht einmal begleitet – etc.

2) Wie geht es Dir heute nach dem langen Freiheitsentzug?

Ich resigniere je länger je mehr. Ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich mich der Situation hingebe, ich bin ausgeliefert. Es ist für mich ein Déjà-vus, eine Erinnerung an eine Situation als 14jähriger, wo ich von der Vormundschaft in ein Heim eingewiesen wurde – angeblich für ein Jahr, woraus dann 7 Jahre wurden! Ich muss auch heute wieder feststellen, wie hilflos ein einzelner Bürger gegen Behörden-Willkür ist und wie viel es braucht, um etwas gegen diese zu erreichen. Heute bin ich über 67 Jahre alt und empfinde stark diese Retraumatisierung.

4) Welche Aussichten hast Du, familiär – persönlich – mit Deinem Sohn etc.?

Im Moment weiss ich überhaupt nicht, welche Aussichten ich habe. Es wird mir mit der Verwahrung gedroht. Das würde bedeuten, dass ich wohl nie mehr aus dem Gefängnis entlassen werde. Das ist für mich selber, für meinen jugendlichen Sohn und für meine betagte Mutter, die inzwischen 96 Jahre alt ist, eine unmögliche Situation, der wir alle hilflos ausgeliefert sind!

5) Hast Du ein soziales Umfeld ausserhalb?

Zum Glück habe ich ein relativ gutes Umfeld mit guten Leuten, die auch versuchen mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Ich erhalte regelmässig Besuch von meinem Sohn, und auch von Anderen, von Kollegen. Ebenfalls habe ich einen guten Anwalt, der sich doch sehr für mich einsetzt und das, obwohl es sehr schleppend vorwärts geht.

6) Hast Du Begleitung eines freiwilligen Mitarbeiters (FM)der Bewährungshilfe?

Seit 2017 habe ich Besuch von einem FM. Dies, nachdem ich vor etwa zwei Jahren mit meinem Sozialarbeiter darüber gesprochen habe. Nun muss ich mich zuerst noch etwas mit ihm anfreunden, doch ich denke, es wird sich weisen, wie es weitergeht.

7) Was hältst Du vom präventiven Einsperren auf Grund eine fiktiven (angenommenen) Gefahr?

Präventives Einsperren von Menschen ist einfach nur verwerflich! Die Dauer der Strafe, die sie vom Gericht erhalten haben und welche der Wiedergutmachung an der Gesellschaft dienen soll, muss als Entlassungsdatum von der Gesellschaft und den Behörden respektiert werden! Wenn nun Menschen dermassen lange Präventiv Einsperrt werden – oft das Mehrfache der Strafdauer und mit dem fiktiven Vorwand der Gefahr eines Rückfalls – ist das verwerflich und nicht haltbar, denn diese Sanktionen gibt es nur in der *schönen* Schweiz .

8) Welche Strategie hast Du, mit Deinen (schlechten? guten?) Gefühlen umzugehen?

Eine Strategie für diese Situation zu haben ist sehr schwierig. Ich für meinen Teil versuche, mich mit meiner Arbeit, dem Töpfern, und dem Kochen und Backen (welches ich zum Glück ausüben kann, da wir über eine gut eingerichtete Küche verfügen können), über die Runden zu kommen. Doch es gibt auch viele Momente, in denen es sehr schwer wird, mit den Ungerechtigkeiten und der ganzen Situation im präventiven Freiheitsentzug umzugehen. Das präventive Einsperren von Menschen belastet die betroffenen über Gebühr, es wird ja gar von einem Sonderopfer gegenüber der Gesellschaft gesprochen. Doch wie „in Gottes Namen“ kann die Gesellschaft den Schwächsten ein solches Sonderopfer abverlangen? Was habe ich zusätzlich verbrochen, um dermassen über Gebühr bestraft zu werden? Mir erschliesst sich dieses Sonderopfer nicht. Ich kann es nur als grosse unberechtigte Ungerechtigkeit empfinden!!! Immerhin kann ich aus den Besuchen meines Sohnes viel Kraft schöpfen. Ohne ihn wäre es, so denke ich, schon sehr schwierig, mit dem ganzen umzugehen.

9) Was erwartest Du von der Gesellschaft in Bezug auf die Massnahmen?

Für mich ist es angemessen, dass sich die Gesellschaft endlich Gedanken macht zur Situation der präventiv Eingesperrten; Wenn sie sich einmal an die Stelle von Inhaftierten denken würde. Empathie wäre das Zauberwort. Ich finde es einfach, sich hinter einer „Gesellschaft“ zu verstecken, denn ich bin der Meinung, viele der sogenannten Gesellschaft wissen überhaupt nicht, was das Wort Massnahme bedeutet, eben weil sie sich auch nicht darum interessieren. Damit meinen sie, sie befänden sich in Sicherheit, was leider ein Trugschluss ist, wie die vorgefallenen schrecklichen Verbrechen in jüngster Zeit belegen. Es gibt keine 100% Sicherheit.

10) Was erwartest Du von den Behörden?

Von den Behörden erwarte ich, dass sie die Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen und die Verantwortung nicht von Einem zum Anderen schieben, und zuletzt ist eben Keiner verantwortlich, weil eben der Andere entschieden hat! Abschieben der Verantwortung ist einfach.

11) In welchen Institutionen warst und bist Du von wann bis wann untergebracht (alle zusammen)?

August 2005 – Februar 2007 Thorberg, Krauchthal

Februar 2007 – März 2010 UPK, Basel

März 2010 – November 2012 JVA, Lenzburg

November 2012 – Juni 2016 JVA Thorberg, Krauchthal, Abt. TAT

Weiter bis heute JVA Thorberg, K‘thal, Abt. Normalvollzug

12) Hast Du persönliche Verbesserungsvorschläge für den Massnahmenvoll-zug?

Aus meiner Sicht sollte die Massnahme nicht in einer Vollzugsanstalt vollzogen werden, denn laut dem Gutachten und laut dem Urteil sind wir ja „schwer psychisch gestörte“ Menschen. Wie also kann es sein, dass schwer psychisch kranke Menschen Vollzeit arbeiten müssen? Dann wäre es doch angebracht, mit diesen Menschen nach aussen zu arbeiten, was heissen würde, mit ihnen Ausgänge in Begleitung zu machen und so weiter. Jedenfalls nicht nur einfach geschlossener Freiheitsentzug!!!

13) Kennst Du die gesetzlichen Vorgaben für Massnahmen-Vollzug?

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich die genauen Vorgaben des Massnahmenvoll-zuges kenne, weil wenn ich ehrlich bin habe ich mich zu wenig damit befasst. Das aus dem grund, weil ich mich zu sehr auf die Psychologen verlassen habe.

14) Kennst Du folgende Studien aus dem Jahr 2016

  • Haftbedingungen in der Verwahrung“ von Jörg Küenzli et al.
  • Anordnung und Vollzug stationärer Massnahmen gemäss Art. 59 StGB mit Fokus auf geschlossene Strafanstalten bzw. geschlossene Massnahmenanstalten“ von Jonas Weber et al. der Universität Bern?

Von diesen zwei Studien habe ich noch nichts gehört, würde mich aber schon dafür interessieren und würde sie also auch gerne erhalten.

  • Wenn ja, kannst Du feststellen, ob die darin enthaltenen Empfehlungen in Deiner aktuellen Anstalt umgesetzt sind?
  • Wenn nein, möchtest Du diese Studien erhalten?

Ja.

  • Kannst Du die Kopien und den Versand (ca. Fr. 20.- für beide) bezahlen?

Ja, … da werden wir uns schon einig.

15) Kennst Du andere Studien oder Informationen zum Vollzug von Massnahmen und wenn ja, welche?

Nein, leider weiss ich gerade keine anderen Studien zur Sache Massnahmen und Vollzug (allerdings hat uns der Interviewte bereits Studien und Universitätsarbeiten zukommen lassen ).

16) Sind die darin festgehaltenen Empfehlungen in Deiner aktuellen Anstalt angewendet?

Habe leider keine Ahnung (– kann auch später beantwortet und nachgetragen werden).

17) Kennst Du aus eigener Erfahrung Anstalten, die diese Empfehlungen nicht anwenden?

Dazu kann ich nichts sagen.

  • Wenn ja, welche Anstalt
  • Und auf welche Studie beziehst Du Dich dabei?

18) Möchtest Du Dich zu anderen Themenbereichen, die nicht gefragt wurden, äussern?

Habe im Moment kein weiteres Thema, welches ich ansprechen könnte.

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